Die Produktion eines Pharmakons : Eine Kartographie der Kala-Azar und der Antimonialien

Merdes, Dominik Johannes

Gegenstand dieser Dissertation ist die Geschichte der Kala-Azar, einer Parasitose, die heute zu den „vernachlässigten Tropenkrankheiten“ gezählt wird, und der Antimonialien, einer Gruppe antimonhaltiger Arzneimittel zu deren Therapie. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von den 1890er Jahren, als die Kala-Azar in Assam durch die britische Kolonialmedizin schulmedizinisch erfasst wurde, bis in die 1920er Jahre, wo mit den fünfwertigen Antimonialien – wichtige Vertreter waren Ureastibamin, Stibosan und Neostam – eine Arzneimittelgruppe Anwendung fand, die schon bald im Ruf stand, eine Letalität von 90 % in eine Heilungsrate von 90 % umgekehrt zu haben. Anknüpfend an den Maschinenbegriff der Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari wird die Arzneimittelproduktion als maschinisches Gefüge gedacht, das, über den Rahmen des Technischen hinausgehend, Organisches und Anorganisches, „Natur“ und „Kultur“ umfasst. Mit einer kartographischen Methode, die auf (queer-)feministische und postkoloniale Theorie zurückgreift, wird der Versuch unternommen, die heterogenen Netze der Antimonialienproduktion samt der sie konstituierenden Machtbeziehungen zu erforschen. Die linear konstruierten Erfolgserzählungen der Tropenmedizin und der modernen Chemotherapie werden auf Bruchstellen, Ausgeschlossenes und horizontale Durchquerungen untersucht, um sie ins Mehrdimensionale zu erweitern, Geschichten zu vervielfältigen. Geprüft wird die These der maschinischen Produziertheit der Antimonialien und in den einzelnen Kapiteln wird das komplexe Machtgeflecht anhand diverser Gefüge, die mit, über und in der Arzneimittelproduktion wirkten, analysiert. Unter anderen sind dies die Krankheit Kala-Azar, die britische Kolonialmedizin, die Leishman-Donovan-Körper, die zur monokausalen Ursache der Kala-Azar wurden, die Teeplantagen Assams, die gesellschaftliche Maschine des Speziesismus, die pharmazeutische Industrie, die Versuchsanordnung der experimentellen Trypanosomose, kolonialstaatliche Forschungsinstitutionen, die indische Unabhängigkeitsbewegung sowie die Subjektivität von Wissenschaftlern als Gefüge in sich selbst. Es entsteht die Karte eines Gefüges, das, die Europäität der modernen Chemotherapie unterlaufend, zugleich in europäischen Laboren wie in kolonialen Räumen operierte und in seinem Funktionieren unweigerlich von modernen Ausbeutungsverhältnissen abhängig war.

The objective of this study is to trace the history of the disease kala-azar, a parasitosis that is counted among the Neglected Tropical Diseases today, as well as the history of antimonials, a group of kala-azar therapeutics that contain the chemical element antimony. My period of interest ranges from the 1890s, when the disease kala-azar was explored and consolidated in the region of Assam in British India by the colonial government, to the 1920s, when, through the use of pentavalent antimonials (whose important representatives were ureastibamine, stibosan, and neostam), the mortality rate of 90% in untreated kala-azar patients was said to have been reversed and transformed into a healing rate of 90%. Drawing on the philosophy of Gilles Deleuze and Félix Guattari, I understand drug production as a ‘machinic assemblage’ which, going beyond the frame of the technical, comprised the organic and the inorganic, ‘nature’ and ‘culture’. As an adequate method for the analysis of drug production, this work develops a cartographic method that employs (queer-)feminist and postcolonial theory to explore heterogeneous networks in which bodies emerged inter-relationally. The linear success stories of tropical medicine and modern chemotherapy—the antimonials were a decisive moment in the myth of modern chemotherapy—are analysed for cracks, exclusions, and horizontal contaminations to extend them multi-dimensionally in order to proliferate histories. This dissertation examines the thesis of the machinic production of antimonials. In accordance with the cartographic method, the individual chapters treat diverse assemblages that operated within and beyond drug production. Among others, these include the disease kala-azar, British colonial medicine, the Leishman–Donovan bodies that became the single cause of kala-azar, Assamese tea estates, the social machine of speciesism, the pharmaceutical industry, the arrangement of experimental trypanosomiasis, colonial research institutions, the Indian independence movement, and the subjectivity of scientists as assemblages in themselves. The result of the analysis is a map of an assemblage, which, undermining the Europeanness of modern chemotherapy, simultaneously operated in European laboratories and colonial spaces and was inevitably dependent on the modern relations of exploitation in its functioning.

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Merdes, Dominik: Die Produktion eines Pharmakons. Eine Kartographie der Kala-Azar und der Antimonialien. 2018.

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