„Wahnsinnige“ – Überlegungen zu revolutionären Porträtzeichnungen von Johann Georg von Dillis

Röske, Thomas GND

In den 1790er Jahren zeichnete der Münchner Künstler Johann Georg von Dillis (1759-1841) mit schwarzer Kreide und brauner Tusche locker das Halbfigurenbild eines jungen Mannes am Tisch. Das 18 × 15 cm messende Blatt zeigt wahrscheinlich einen Herrn „Schurich" – so ließe sich die Aufschrift der Rückseite deuten. Auf der Vorderseite, unter dem Bild, hat von Dillis „Wahnsinniger" notiert. Dieser Titel lässt den Betrachter sofort danach suchen, was an dem Mann „wahnsinnig" ist – im Sinne von „krankhaften Einbildungen unterworfen", „geistig gestört". Die alte, schon lange widerlegte Überzeugung, dass sich – wie ich es neutraler nennen möchte – psychische Ausnahmezustände oder psychische Krisen stets im Äußeren eines Menschen niederschlagen, ist noch immer lebendig in uns, als Abwehr des Irrationalen. Verdächtig scheinen zunächst die Stellung der Augen und die Haare Schurichs. Ist hier ein „wahnsinniger" Blick dargestellt oder Unordnung als Folge „wahnsinnigen" Verhaltens? Die Wahrnehmung wird relativiert, wenn man andere Porträtzeichnungen von Dillis’ aus derselben Zeit daneben hält: Der „verquere" Blick findet sich auch beim Bildnis eines Bärtigen mit Pelzmütze (wohl ein Rabbiner), so dass man auf Ungenauigkeit des Zeichners in diesem Detail schließen muss; und „unordentlich“ ist auch die Frisur des „Medalheurs“, möglicherweise, weil Lässigkeit in der Haartracht zu jener Zeit nach der Revolution modisch war. Auffällig bei Schurich erscheinen weiterhin die Intensität des Blicks, der eine Mischung aus Angst und Anspannung verrät, und die gespannte Haltung. Da die Augen nicht auf uns gerichtet sind, wird die Anspannung nicht – zumindest nicht allein – vom Akt des Porträtierens ausgelöst. Der Mann reagiert, doch von Dillis zeigt nicht, worauf er reagiert. Ist dieser Zug aber ein Merkmal des „Wahnsinns“ oder nur des „Wahnsinnigen“ Schurich? Ist er überhaupt spezifisch? Die anderen beiden Porträtierten sehen den Betrachter auch nicht an. Vielleicht wollte von Dillis das Bildnis Schurichs durch dessen stärkere Mimik nur lebendiger gestalten? Im Folgenden soll die besondere Leistung dieser Zeichnung weiter herausgearbeitet werden, indem ich sie mit früheren und wenig späteren Darstellungen von „Wahnsinn“ vergleiche sowie ihr Umfeld betrachte.

Zitieren

Zitierform:

Röske, Thomas: „Wahnsinnige“ – Überlegungen zu revolutionären Porträtzeichnungen von Johann Georg von Dillis. Braunschweig 2008. Cramer.

Zugriffsstatistik

Gesamt:
Volltextzugriffe:
Metadatenansicht:
12 Monate:
Volltextzugriffe:
Metadatenansicht:

Details anzeigen

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export