Neophyten und Biodiversität

Brandes, Dietmar GND

Mit der Unterzeichnung des „Übereinkommens über die biologische Vielfalt“ [Biodiversitätskonvention] hat die Bundesrepublik Deutschland 1992 Verpflichtungen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt auf ihrem Territorium übernommen. Biologische Vielfalt, seit etwa 15 Jahren mit dem Begriff „Biodiversität“ belegt, beinhaltet die Vielfalt auf allen Ebenen, von der genetischen Ebene über diejenige der Arten und ihrer Populationen bis hin zu den Ebenen von Vergesellschaftung, Habitat und Ökosystemen. Damit haben sich die Unterzeichnerstaaten zu umfangreicher Forschung auf den Gebieten der Evolutionsbiologie, vor allem aber der sog. „organismischen Biologie“ verpflichtet, was in Europa übrigens in einem deutlichen Gegensatz zur gegenwärtigen Entwicklung der universitären Biologie steht. Als eine wesentliche Gefährdungsursache der biologischen Vielfalt wird der Zustrom gebietsfremder Organismen angesehen, für den sich ausgehend vom angloamerikanischen Raum der Begriff „Biologische Invasion“ eingebürgert hat. Zu diesen sog. biologischen Invasionen gehören spektakuläre Ausbreitungen von Krankheitserregern wie der Pest (Yersinia pestis) oder der Malaria (Plasmodium spec.), von pflanzenschädigenden Pilzen wie der Knollenfäule der Kartoffel (Phytophthora infestans), von expansiven Pflanzenarten wie dem japanischen Staudenknöterich (Fallopia japonica) oder der Herkulesstaude (Heracleum mantegazzianum) über Schadinsekten wie Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) und Reblaus (Dactylosphaera vitifoliae) bis hin zu Wirbeltieren wie Bisam (Ondatra zibethicus) oder Waschbär (Procyon lotor). Insbesondere pathogene Mikroorganismen haben weltweit verheerende Folgen für die Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen ausgelöst (KOWARIK 2003). Die Vegetationsdecke Mitteleuropas wurde durch eine Folge von Eiszeiten weitgehend zerstört. Die meisten Pflanzenarten mussten von ihren unvergletschert gebliebenen Refugien im Südosten bzw. Südwesten wieder einwandern. Auch diese Rückwanderungen erfolgten keineswegs unter konstanten Umweltbedingungen, sondern waren von Klimawechseln begleitet. Mit dem Ackerbau begann im Neolithikum ein anthropogener Eintrag von Pflanzenarten nach Mitteleuropa. Durch Rodung von Wäldern, Anbau von Kulturpflanzen und Anlage von Siedlungen schuf der Mensch insbesondere für licht- und wärmebedürftige Arten neue Wuchsmöglichkeiten. Die Phytodiversität der traditionellen Kulturlandschaft ist daher wesentlich höher als diejenige weitgehend geschlossener Waldflächen der Naturlandschaft. Mit der Entdeckung Amerikas (1492) wurden biogeographische Barrieren in rascher Folge vom Menschen überwunden und führten zu einem beispiellosen Floren- und Faunenaustausch. Die mehr oder minder unkontrollierte Ausbreitung von Organismen der unterschiedlichsten Art ist ebenso wie die Verstädterung Teil von Global Change. Es hat sich zumindest in Europa eingebürgert, gebietsfremde Pflanzenarten nach dem Zeitpunkt ihres ersten Auftritts in einem Gebiet in Archäophyten (vor 1492) und Neophyten (nach 1492) zu differenzieren. Alle Arten aus überseeischen Erdteilen sind somit definitionsgemäß Neophyten. Forschung, Naturschutzverbände und vor allem auch die Politik widmen den Neophyten große Aufmerksamkeit wegen der möglichen Veränderung der Biodiversität. So vergeht kein Jahr, in dem nicht mehrere wichtige Tagungen über Neophyten und/oder Biologische Invasionen stattfinden. Von der wachsenden Forschungsaktivität zeugen eigene Publikationsorgane und Netzwerke.

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Brandes, Dietmar: Neophyten und Biodiversität. Braunschweig 2005. Cramer.

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