Verführung – Kapitalismus – homme fatal: Eine psychoanalytisch orientierte Studie zerstörerischer Männlichkeit in der englischen Erzählliteratur und Gesellschaft zwischen 1800 und 1900

Ballerstaller, Norbert

Im Zentrum der Dissertation steht die Typologisierung des homme fatal, des verhängnisvollen Verführers innerhalb der englischen Erzählliteratur von der Romantik bis ins fin de siécle. Die Analyse dieser Figur findet mit starkem Bezug zur Etablierung der bürgerlich und kapitalistisch geprägten englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts statt. Die Arbeit unterscheidet (nach Jean Baudrillard) die ‚wahre’ (befreiende) Verführung von der ‚kalten’ (manipulierenden) Verführung und verbindet diese Konzepte mit Jacques Lacans und Slavoj Žižeks psychoanalytischen Theorien zum (menschlichen) Subjekt und zur Gesellschaft. Dabei will sie zeigen, dass die dominante Form der Verführung im Untersuchungszeitraum die ‚kalte’ war, eine subtil operierende Nötigung des post-feudalen Menschen hin zur (vermeintlich selbstgewählten) Annahme bürgerlicher und kapitalistischer Positionen. ‚Wahre’ Verführung befreit das Subjekt vom hysterisierenden (und mitunter sadistischen) Druck des Diskursiven und führt es an einen Ort, der im Wesentlichen dem Lacan’schen Realen entspricht, also dem Feld hinter den imaginären und symbolischen Verortungen der (menschlichen) Identität. Vor diesem theoretischen Hintergrund analysiert die vorliegende Arbeit das Auftauchen von hommes fatals wie Castruccio, Heathcliff, Dorian Gray oder Dracula. Diese werden daraufhin untersucht, welche Art der Verführung sie initiieren, wie und weshalb sie dies tun und welche Aussagen ihr Vorgehen über die Wandel der soziokulturellen Paradigmata jener Kultur zulässt, der sie entstammen. Damit will die Dissertation das zugunsten der viel beschriebenen femme fatale deutlich vernachlässigte Thema männlicher Verführung in den Fokus rücken und zeigen, warum diese (im Gegensatz zur weiblichen Verführung) überwiegend ‚kalt’ und zweckgebunden ist und kaum je an das rühren kann, was Lacan das ‚wahre Ich’ nennt.

This dissertation focuses on the homme fatal, the fatal male seducer in the english novel from the romantic period to the fin de siécle. His appearance is strongly linked to the rising of the bourgeois and capitalist society in 19th century England. Following (and combining) the works of Jean Baudrillard, Jacques Lacan and Slavoj Žižek, this study differentiates between ‘true’ (liberating) seduction and ‘cold’ (manipulative) seduction from a psychoanalytic point of view. It tries to show that England’s 19th century society was basically established in the mode of ‘cold’ seduction: the post-feudal, allegedly ‘liberated’ human subject was offered a wide range of positions in the widening field of liberal, scientific, economic, gender related discourse – and subtly guided (‘se-duced’) to making the right (bourgeois and capitalist) choices. ‘True’ seduction liberates the subject from the pressures of the discourse and consumerism. It operates in the field of the Lacanian Real, beyond the structure of the subject’s lack of being, the imaginary and symbolic registers of human identity. ‘True’ seduction counteracts ‘cold’ seduction by opening the space to a more authentic self and initiating a radical epiphany in the seduced. In the english novel between 1800 and 1900, fatal seducers like Castruccio, Heathcliff, Dorian Gray or Dracula are the agents of many ‘cold’ and a few ‘true’ seductions, thereby revealing the mechanisms and deadlocks of the 19th century english society. The homme fatal is an unusually complex character and often unfairly neglected in favour of his female counterpart, the femme fatale.

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Ballerstaller, Norbert: Verführung – Kapitalismus – homme fatal: Eine psychoanalytisch orientierte Studie zerstörerischer Männlichkeit in der englischen Erzählliteratur und Gesellschaft zwischen 1800 und 1900. 2010.

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