Die französische Debatte über die Einführung der Blatterninokulation (1754-1774)

Pollmeier, Heiko

Gegen die Pockennot des 18. Jahrhunderts versprach die Inokulation wirksame Prävention. Diese künstliche Übertragung des menschlichen Pockenvirus (Blattern), die durch eine kontrollierte Erkrankung eine Immunisierung bewirken sollte, war überall in Europa Gegenstand heftiger Polemik. Man stritt sich um Nutzen und Legitimität dieses Eingriffs in die menschliche Natur und die göttliche Vorsehung. Besonders intensiv war die Debatte in Frankreich: mehr als 200 französischsprachige Ärzte, Theologen, Mathematiker und 'philosophes' (wie Voltaire) aus ganz Europa partizipierten mit über 1000 Texten daran. Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die historische Rekonstruktion des komplexen Ablaufes und des ideologischen Gehalts der französischen Inokulationsdebatte zwischen 1754 (La Condamines Akademievortrag) und 1774 (Inokulation Ludwigs XVI.). Beides wurde bisher von der Forschungsliteratur, welche die Inokulation vornehmlich als Vorstufe zur Vakzination bewertet, nur illustrativ behandelt. In mehreren Kapiteln werden die Vernetzung der Debattentexte und Debattenteilnehmer untersucht, wobei Ablauf, Etappen, Teilnehmergruppen, Themen und Argumente der Debatte beleuchtet werden (Kap. 4–6); Kapitel 1–3 erläutern Kontext und Vorgeschichte. Der Streit über den Pockenschutz – als eine der ersten im expandierenden Zeitschriftenwesen der Zeit dokumentierten öffentlichen Debatten in Frankreich nach 1750 – charakterisiert sich durch eine Vielfalt an Teilnehmern und Medien sowie durch schnelle und dichte Wissenszirkulation. Beschrieben wird auch, dass mehr als nur die Wirksamkeit der Inokulation diskutiert wurde. Zudem professionalisierten sich die teilnehmenden gesellschaftlichen Gruppen wie Ärzte, Journalisten und Demographen und vergewisserten sich ihres eigenen Tuns in der Art und Weise, darüber zu schreiben.

Smallpox infections were raging in the eighteenth century, and only inoculation, the artificial introduction of the human smallpox virus into the body, limited its effects by provoking a milder illness and henceforth immunization. Inoculation, also known as variolation, had been known for centuries in the Far and the Middle East as a technique practised by peasant women. After 1710, through travel reports and scientific articles from the Orient to the Royal Society in London, inoculation came to the attention of West European physicians and became more elaborate in their hands. First introduced in England in 1720, inoculation roused controversy in Europe – most of all in France. The lively public French debate between 1754 (La Condamine's speech on inoculation before the French Royal Academy of Science) and 1774 (inoculation of Louis XVI) involved more than 200 authors from all kinds of professions: physicians, theologians, scientists, journalists, philosophes' like Voltaire as well as laymen from France and abroad. This doctoral dissertation is based on the analysis of more than 200 monographs and 800 articles of different kinds, with the main body of evidence coming from 17 important French journals of diverse genres, thus acknowledging the emerging newspaper market and its influence on establishing public opinion (chapters 1-3). The dissertation not only tries to establish the chronology of the French inoculation debate and to discuss the problem of public opinion, it also attempts to analyze the public debate with respect to its three underlying subjects – theology, mathematics and medicine (chapters 4-6).

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Pollmeier, Heiko: Die französische Debatte über die Einführung der Blatterninokulation (1754-1774). 2007.

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